Die Ansprüche neu formulieren

Ein Interview über das Burn out-Syndrom mit Dipl. Psychologe, Psychoonkologe und BAK-Dozent Christian Diekers.

Das Thema Burn Out ist seit längerer Zeit immer häufiger in den Medien. Liegt es daran, dass dieses Krankheitsbild neu ist oder gab es Burn Out-Patienten auch früher schon?

 Burn Out gab es schon immer. In den letzten Jahren ist die Häufigkeit der psychischen Erkrankungen aber um 30 Prozent gestiegen. Burn Out hat sogar den Herz-Kreislauf-Erkrankungen den Rang abgelaufen.

Wie kommt das? Ein Phänomen unserer hektischen Welt?

Es liegt schon an unserer hektischen Arbeitswelt, aber vor allem daran, dass die Menschen nicht aufmerksam mit sich selbst umgehen. Gerade überengagierte Menschen sind gefährdet. Das Problem ist, dass der Betroffene das Abdriften in das Burn Out als letzter bemerkt.

Was sind Signale für das Burn Out-Syndrom?

Unlustgefühle,Schlafstörungen, Magenprobleme, Durchfall. Es ist ein schleichender Prozess. Der Beginn ist im Grunde immer ein Überengagement mit zu hoch gesteckten Zielen. Die Person versteift sich auf das Erreichen der Ziele. Das führt meist irgendwann auch zu Problemen im Privatleben. Dann kommt es zum teilweise vollständigen Rückzug nach der Enttäuschung, dass man die Ziele, für die man so hart gekämpft hat, nicht erreichen konnte. Das Umfeld reagiert darauf und signalisiert dem Patienten, dass er sich verändert hat. Er reagiert darauf wiederum, indem er die „Kritiker“ meidet. So bildet sich ein Kreislauf. Am Ende stehen meist Depressionssymptome wie das Gefühl völliger Leere.

Was hilft in diesem Fall?

Dann ist Psychotherapie angesagt. Es ist dann schon viel zu spät um die Situation alleine zu meistern. Der Betroffene, das wissen die wenigsten, sollte zukünftig nicht mehr in seinem Beruf arbeiten. Er muss auch akzeptieren, dass er psychisch krank ist. Meist geht das Burn Out-Syndrom auch mit dem Helfersyndrom einher. Das Helfersyndrom ist so betrachtet das Ausgangsproblem. Deswegen ist die Berufsgruppe der Helfenden Berufe auch am meisten betroffen.

Wie kann man sich prophylaktisch schützen?

Man muss sich seiner eigenen Stresssignale bewusst werden und ganzheitlich auf sich aufpassen. Das heißt auf Körper, Seele und Geist achten. Sport oder Muskelrelaxation für den Körper, Entspannungstechniken wie Qi Gong oder Autogenes Training für die Seele und das Wichtigste: der Geist. Die Arbeits- und Lebenseinstellung ändern und nicht mehr 150 Prozent anstreben.

Wie kann der Einrichtungsleiter seine Mitarbeiter in der Pflege vor dem Burn Out schützen?

Man sollte versuchen, im Arbeitsalltag Nischen zu finden, die es dem Mitarbeiter erlauben, auf sich aufzupassen. Mit den Mitarbeitern Strategien durchsprechen, wie man mit Stress umgehen kann. Welcher Stresstyp man ist, kann mit entsprechenden Tests herausgefunden werden. Dann sollte das Selbstkonzept und die eigenen Ansprüche daran angepasst werden.

Vermitteln Sie das auch in Ihren Seminaren für Führungskräfte bei der BAK – Die Bildungsakademie?

Ja, ich halte ein je nach Auftraggeber auch zwei Tagesseminare zum Thema Burn Out, aber auch in den Weiterbildungskursen zur Einrichtungsleitung und Pflegedienstleitung , Wohnbereichsleitung ist die richtige Mitarbeiterführung fester Bestandteil der Ausbildung. Inhaltlich geht es in den Kursen zunächst darum, was Burn Out genau ist. Dann können sich die Teilnehmer anhand von Fragebogentests selbst analysieren und feststellen, in welcher Form sie auf Stress reagieren, also ob motorisch, vegetativ oder kognitiv. Dann spricht man Methoden des Stressmanagements durch. Die angehenden Führungskräfte lernen dabei, auf sich selbst zu hören und können das Wissen im Pflegealltag für sich selbst anwenden, aber auch weitergeben.

Die Fragen stellte Harald Gerhäußer.

 

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