„Den Tagen Leben geben“

Ein Gespräch mit unserer Dozentin Frau Gabriele Hartleif-Müller über das Berufsbild der Fachkraft für Palliativ Pflege und ihre Dozententätigkeit an der BAK - Die Bildungsakademie.  

Hört man Palliativ Pflege, denkt man an Palliativstationen in Krankenhäusern und letztendlich an den Tod. Was muss man sich unter dem Berufsbild „Fachkraft für Palliativ Pflege“ vorstellen? 

Es geht darum, in der Pflege den Blick auf den gesamten Patienten zu schärfen. Dazu gehören alle Lebensbereiche einer schwerstkranken Person. Wir versuchen, die Wünsche der Patienten zu erfüllen und so die Lebensqualität zu erhalten. Zum Beispiel fragen wir den Patienten, bevor wir mit der Pflege beginnen: Wie sollen wir Sie behandeln? Was möchten Sie? Sagt der Kranke, er möchte nochmals das Meer sehen, versuchen wir dies in irgendeiner Form zu ermöglichen. Es geht in diesem Stadium um die Lebensqualität und das Lebensgefühl des Patienten. Dazu gehört auch, den Angehörigen in dieser schwierigen Lebensphase mit den Ängsten und bei der Trauer zu helfen. 

Welche Zusatzqualifikationen vermitteln Sie in Ihren Kursen?

In den Unterrichtseinheiten der BAK - Die Bildungsakademie werden den Kursteilnehmern medizinisch fachliche Grundlagen der Palliativen Pflege theoretisch vermittelt, die allerdings immer direkten Bezug auf die Praxis nehmen. Wir vermitteln zum Beispiel Fachwissen rund um das Schmerzmanagement. Hierzu gehören die Unterrichtseinheiten bei Herrn Dr. Hait, der als Anästhesist im Katharinen-Hospital Unna arbeitet. Er unterrichtet Schmerzmanagement und Pharmakologie. Rechtliche Grundlagen, die für das Berufsbild ebenso wichtig sind, werden von dem Rechtsanwalt Herrn Schrewe vermittelt. Weitere Kursinhalte teile ich mir mit dem Diplom Psychologen Herrn Christian Diekers. Er referiert zu den Themen Tod, Trauer, Kommunikation, Supervision. Mein Teil des Kurses sind die Grundlagen der Palliativmedizin und Pflege in Theorie und Praxis sowie die Basale Stimulation. Der Unterricht findet  berufsbegleitend, das heißt neben dem Arbeitsalltag der Teilnehmer, statt.

Der Unterricht orientiert sich an den Leitlinien und Prinzipien der DGP (Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin). Ein Motto aus deren Leitlinien ist zum Beispiel: „Nicht nur der Schmerz wird behandelt, sondern der Mensch, der die Schmerzen hat“. Also der klare Blick auf die Lebensqualität und die Auseinandersetzung mit der Würde, den Wünschen, Ängsten und Nöten der Patienten und ihrer Angehörigen ist Teil unseres Lehrangebots. 

Welche Fähigkeiten braucht eine Fachkraft Palliativ Pflege für den Berufsalltag?

Ein gutes Verständnis für die Leiden des Patienten und die Ängste und Nöte der Angehörigen sind die Bereiche, mit denen sich eine Fachkraft für Palliativmedizin auseinandersetzen muss. Sie muss die einzelnen Krankheitsbilder und die sich daraus ableitenden Symptome kennen. Außerdem sollte sie Maßnahmen kennen und einleiten können, um weitere belastende Situationen für den Patienten zu verhindern - besonders durch das Schmerzmanagement. Sie muss im Team mit den unterschiedlichsten Professionen arbeiten und diskutieren können. Hierzu gehören auch schwierige Gespräche mit verzweifelten Angehörigen. Es liegt in unserer Verantwortung den Kursteilnehmern die bestmöglichen Grundlagen in Theorie und Praxis zu vermitteln. Palliative Pflege ist nicht nur eine medizinische Art der Versorgung und Pflege, sie ist auch eine Haltung, die mitunter eine gewisse Kreativität von der Fachkraft fordert.

Der Alltag einer Fachkraft Palliativ Pflege ist nicht unbedingt von medizinischen Erfolgsgeschichten im Sinne von großen Heilungserfolgen oder der Gesundung von Patienten geprägt. Es sind wohl eher die kleinen Erfolge von Bedeutung. Wie geht man mit einer bedrückenden Realität des Berufsalltags um?

Es ist richtig, dass der Alltag einer Fachkraft, ob in der palliativen Pflege, der Altenpflege oder in der Geriatrie, nicht von spektakulären Heilungserfolgen geprägt ist. Es sind die kleinen Dinge die plötzlich „die Sonne scheinen lassen“. Wenn beispielsweise eine Patientin, die seit langem schon nicht mehr gesprochen hat, plötzlich wieder zu lächeln beginnt, weil die Schmerztherapie greift.

Der Alltag sieht jedoch oft herausfordernder aus. In der stationären Altenpflege arbeiten sehr viele engagierte Altenpflegerinnen und Altenpfleger. Sie kennen ihre Bewohner sehr genau und bemerken, wenn irgendetwas anders ist als sonst. Als Lebenswegbegleiter der Bewohner sind sie den Menschen sehr nahe. Der Umgang mit der Not, der Angst, dem seelischen Schmerz und dem Tod, der im Alltagserleben der Mitarbeiter allgegenwärtig ist, hinterlässt sicherlich auch seine Spuren bei den Fachkräften. 

Wenngleich es paradox klingt, hört man immer wieder, dass selbst in der Altenpflege das Thema Tod ein Tabu ist. Wird man in der Ausbildung zur Fachkraft für Palliativ Pflege darauf vorbereitet?

In den Kursen zur Palliativ Pflege wird immer wieder deutlich, dass das Thema Tod und das Sterben für uns alle eine Herausforderung ist. Im Unterricht trainieren wir durch Fallkonferenzen und Fallbesprechungen den Fokus nicht ausschließlich auf das Sterben zu lenken, sondern die Behandlung der Symptome im Auge zu behalten. Die Verbesserung und der Erhalt der Lebensqualität, sowohl für den Patienten als auch für die Angehörigen, sind die Ansätze, die im Vordergrund stehen. Wichtig sind bei diesem Thema die Offenheit und die Ehrlichkeit gegenüber allen Beteiligten. Aber es müssen dabei Grenzen der Belastbarkeit jedes Einzelnen beachtet werden: Wie viel Wahrheit verträgt der Mensch, der uns gegenüber steht? Der Tod, das Sterben und der Weg durch die Trauer sind individuell verschieden. Dem muss man Rechnung tragen.

In den Unterrichtseinheiten wird durch unseren Diplompsychologen und Dozenten, Christian Diekers, die Notwendigkeit der Supervision verdeutlicht. Für unsere Kursteilnehmer bearbeitet er in Wochenendseminaren, die Themen Tod und Trauer zudem vertiefend.

Was würden Sie sich für die Arbeit in den Hospizen und auf den Palliativstationen wünschen? 

Für die Dienstleistung im Bereich der Palliativ Pflege würde ich mir für die Fachkräfte eine bessere Honorierung wünschen.

Das politische Postulat “ambulant vor stationär“ greift leider nicht oder noch nicht immer. Leider können Patienten, die eine palliative Versorgung benötigen nicht immer bis zum Schluss zu Hause gepflegt werden. Für den Bereich der stationären Altenpflege bedarf es der Möglichkeit der palliativgeriatrischen Versorgung. Hierzu müssen gute und in der Praxis umsetzbare Konzepte entwickelt werde.

Außerdem bin ich der Auffassung, dass es in den jüngst aus dem Boden gestampften „Pflegestützpunkten“ neben der Beratung zum Thema Pflege, Sprechstunden für Schmerzpatienten sowie deren Angehörigen geben muss. Das Team der Berater in den Pflegestützpunkten sollte durch die Kompetenz einer palliativ- und einer algesiologischen Fachassistenz erweitert werden.

Das Interview führte Harald Gerhäußer.

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